Chronik

Wahrlich ein recht liebes Plätzchen“

Marienstift Marwang – ein Haus, das zu einem »Segen für die ganze Umgebung« wurde.

 

Das war das Marienstift, bevor es in den Jahren 1976 bis 1979 umfassend renoviert wurde. (Foto: Eder)

»Schwesternhaus, barock, mit Putzgliederungen und Flachsatteldach, erstes Drittel 19. Jahrhundert, ehemals mit Fassadenmalereien«: So nüchtern beschreibt die bayerische Denkmalschutzliste das Gebäude südlich der Marwanger Kirche, das heute als Altenheim Marienstift allgemein bekannt ist. Welch ein Segen aber aus diesem Haus »erwachsen würde, das ahnte wohl niemand im Jahr 1920, als drei Niederbronner Schwestern in den kleinen Ort Marwang kamen«, schrieb Kirchenpfleger Gustl Lex in seiner Einladung zur 25-Jahr-Feier, die im September stattfand.

Dem Grabenstätter Häuserbuch ist zu entnehmen, dass der erste namentlich bekannte Besitzer (um 1855) ein früherer Wirt von Marwang war, namens Michael Mayr. Um 1871 wurde es demnach von einem Matthias Obbacher erworben, einem Webersohn von Marwang. In kirchliche Hände kam das Haus im Jahr 1888, als es der Marwanger Benefiziat Lorenz Totnan Seehuber erwarb, als Wohnung für einen pensionierten Lehrer, der an der Kirche Orgeldienst zu verrichten hatte. Um 1902 wurde das Gebäude durch Schenkung Teil des »Beneficiums Marwang«, zu dem auch die Loretokirche und das 1875 errichtete, so genannte Benefiziatenhaus gehören, das heute als Jugendhaus genutzt wird (»KIM-Haus«). Der Grabenstätter Ehrenbürger Max Huber beschrieb in seinem Häuserbuch die Idylle um die Marwanger Kirche wie folgt: »Wahrlich ein recht liebes Plätzchen am Fuße der Berge in unmittelbarer Nähe des Chiemsees hat die Mutter Gottes hier erhalten.«

Das Marwanger Benefiziatenhaus diente als Domizil für Pfarrer, die in Ruhestand waren, die, wie es bei Max Huber, heißt, »in Marwang Ruhe und Frieden für ihr Alter suchten«. Einer von ihnen war Paul Hofmeister, früher Pfarrer in Frasdorf, der hier von 1918 bis 1925 lebte. Er hatte die Idee, eine ambulante Krankenpflege in Marwang einzurichten, was »als gemeinnütziges Werk durchaus der Situation Marwangs angemessen« sei. Er nahm Verhandlungen auf mit dem Mutterhaus der Niederbronner Schwestern in Neumarkt in der Oberpfalz. Deren Ergebnis war, dass am 24. April 1920 die ersten drei Schwestern nach Marwang kamen und ihr Quartier in der ehemaligen Organistenwohnung nahmen. Seit dem Einzug der Schwestern existiert der Name »Marienstift«.

Nur am Rande erwähnt: Die Schwestern kauften kurze Zeit später das so genannte Kaltenegger-Anwesen, um dort ein Erholungsheim einzurichten. Weitere Niederbronner Schwestern kamen nach Marwang, 1927 wurde das Erholungsheim eröffnet, in das in den Jahren danach zahllose Kinder strömten. Dieses Heim wurde aber bald danach von der Eisenbahndirektion Regensburg erworben. Bis zum Jahr 1988 blieb es Kindererholungsheim der Bundesbahn, wurde 1988 an privat verkauft, danach als Durchgangsstelle für Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR und später als Wohnheim für Aussiedler genutzt. Schließlich wurde es abgerissen, und an seiner Stelle entstand eine Wohnsiedlung.

Die Niederbronner Schwestern konzentrierten sich also nach wenigen Jahren wieder voll und ganz auf das Marienstift, auch wenn weiterhin Schwestern im Bahn-Erholungsheim tätig waren. Das Marienstift wurde zu einer selbstständigen Station mit vier Schwestern, deren Aufgaben der Kirchendienst, die ambulante Krankenpflege und die Versorgung von Pensionären waren. 1941 wurde das Marienstift eine eigene Kommunität mit Schwester M. Imelda Albrecht als Oberin. Ihr zur Seite standen die Schwestern Agnes, Maria und Elmara.

So blieb es über Jahrzehnte. In den Jahren 1976 bis 1979, unter Pfarrer Johann Nepomuk Huber, wurde das Gebäude – ebenso wie Loretokirche und Benefiziatenhaus – umfassend saniert. Kurze Zeit danach, im Jahr 1982, verließen die Niederbronner Schwestern wegen Nachwuchsmangels das Marienstift. »Wer konnte schon erahnen«, schreibt Kirchenpfleger Gustl Lex in seiner Einladung zur 25-Jahr-Feier, »wie viele Kranke in diesen langen Jahren versorgt, wie viele Sterbende begleitet und wie viele unentgeltliche Stunden geleistet wurden.«

Um diese Dienste zu erhalten und die alte Tradition zu bewahren, gründete sich auf Initiative von Pfarrer Huber der »Verein für Krankenpflege und Altenbetreuung Grabenstätt e. V.«. Dieser setzt die wertvolle Arbeit der Schwestern – ebenfalls ehrenamtlich und unentgeltlich – fort, verwaltet das Altenheim und versorgt auch alte oder kranke Menschen in der Umgebung mit Essen auf Rädern.

400 Jahre Marwanger Geschichte
400 Jahre Marwanger Geschichte, die bis in die Gegenwart hereinwirkt, wurden lebendig beim Festabend zum 25-jährigen Bestehen des Vereins für Krankenpflege und Altenbetreuung. Gustl Lex und Pfarrer Johann Nepomuk Huber erinnerten an die Zeiten vom Bau der Loretokirche bis hin zur Einrichtung des Altenheims »Marienstift« durch die Niederbronner Schwestern.

1648 wurde von Gräfin Maria Katharina von Törring die Loretokirche erbaut, die sich für die nachfolgenden Jahrhunderte als segensreiche Einrichtung erweisen sollte. Maßgeblich für die Entwicklung hin zum Marienstift war der aus Marwang stammende Webersohn Totnan Seehuber, der mit aus seinem Orden stammenden Mitteln das Benefiziatenhaus, das heutige KIM-Jugendhaus, erbaute und das Mair- oder Metzger-Anwesen, das Gebäude des späteren Marienstifts, zunächst als Wohnung für einen Organisten ankaufte.

Einer seiner Nachfolger, der menschenfreundliche Pfarrer Paul Hofmeister, erkannte in den »lausigen Zeiten« nach dem ersten Weltkrieg, da viele Männer mit schweren Verletzungen und Behinderungen nach Hause gekommen waren, die Notwendigkeit, aus dem mittlerweile leer stehenden Haus eine Krankenpflegestation einzurichten. Mit Unterstützung der Niederbronner Schwestern, die Hofmeister für seine Idee gewinnen konnte, gelang dieses Unternehmen.

»Kein Weichling sein!«
Die Menschen in den alten Zeiten hatten es schwer, wenn sie krank wurden. Ärzte gab es kaum, und wenn, dann konnten ihn sich die einfachen Menschen nicht leisten. So war es in der Tat eine große Erleichterung für die Familien, wenn die Schwestern ins Haus kamen und etwa Nachtwachen übernahmen: »Krankheiten mussten angenommen werden, große Schmerzen mussten erduldet werden. Da durfte man kein Weichling sein.«

Eine wichtige Rolle für das Marienstift spielte Pfarrer Johann Biller während der Kriegszeit. Er erreichte es nach erbitterten Auseinandersetzungen mit der »herrschsüchtigen« – so Biller in seinen Niederschriften – Oberin des Kindererholungsheims, dass das Marienstift als selbstständige Schwestern-Station etabliert werden konnte.

Legendäre Schwester Elmara
Das segensreiche Wirken der drei noch verbliebenen Schwestern ist den alten Marwangern noch in Erinnerung. Vor allem Schwester Elmara, die zwischenzeitlich zur Ehrenbürgerin der Gemeinde ernannt worden war, ist längst Legende: wie sie sich beim Schlittenfahren den Fuß verstaucht hat, wie sie – in Eile, wie eigentlich fast immer – im Ortsbereich ein Polizeiauto überholte, wie sie selbst am Karfreitag das Arbeiten nicht sein lassen konnte und wie die Burschen vom Stammtisch ihr Winterreifen für ihren Fiat finanziert hatten, so sehr war ihr Wirken im Dorf geschätzt und anerkannt.

Als klar war, dass die Schwestern nach dem überraschenden Tod von Schwester Elmara ihren Dienst in Marwang beenden würden, sollte zumindest das Marienstift als Haus für alte Menschen weiterlaufen. Vergleichsweise problemlos war die Geldbeschaffung für eine umfassende Renovierung, recht schwierig gestalteten sich danach aber die bürokratischen Hürden, bis das Haus offiziell als Altenheim anerkannt wurde.

Die Gründung des Krankenpflege- und Altenbetreuungsvereins mit Irene Riede als erster Vorsitzender, nach wie vor im Amt, war die wesentliche Basis für den Erhalt. Pfarrer Huber erinnert sich: »Wir waren sehr froh, mit Frau Riede eine Vorsitzende zu finden. Sie erklärte sich dazu bereit, ohne recht zu ahnen, was das mit sich bringen würde.« Die zähen Verhandlungen zunächst mit dem Landratsamt, dann mit dem Bezirk führten erst dann zu einem positiven Ergebnis, als mit Maria Strohmayer als Hauswirtschafterin und Martina Bosse als Heimleiterin – auch diese beiden üben ihre Tätigkeit nach wie vor aus – die notwendigen Fachkräfte ins Haus geholt worden waren.

Denkmal für Bürgersinn
Die Idee der damals Verantwortlichen war es, hier in dieser idyllischen, ruhigen Umgebung im Marwanger Süden eine Wohngemeinschaft alter Leute zu schaffen. Mit dem Erhalt des Marienstifts als Altenheim ist letztlich ein gewagtes Experiment gelungen. Dem Bürgersinn ist hier ein Denkmal gesetzt worden. Und alle hoffen, dass die Einrichtung auch in Zukunft erhalten bleiben kann, trotz der allgegenwärtigen Finanzprobleme und einiger aktuell leer stehender Zimmer.

Schwester Monika hatte es sich trotz fortgeschrittenen Alters nicht nehmen lassen, zur 25-Jahr-Feier nach Marwang zu kommen. Sie hatte von 1949 bis 1951 im Marienstift gewirkt. Ihre Aufgabe war es unter anderem, die Orgel zu spielen und sie hat damals mit Mädchen aus dem Dorf einen kleinen Chor aufgebaut, der immer wieder die Gottesdienste mitgestaltet hat.

 

 

Hans Eder
Quelle: Chiemgau-Blätter Juni 2009

 

Eintrag im Grabenstätter Geschichts- und Häuserbuch: